Der gute "XXL-Geist" - oder: Telefontarif "zum Mitnehmen"

© Manfred Reimer, DL7AWL


Der ad hoc auf einer Lochrasterplatine aufgebaute 'Hausgeist'
Der "XXL-Geist" wurde als handgefertigtes Einzelstück auf einer Lochrasterplatine aufgebaut (ca. 1/3 Europaformat). Die Platine war ein eher exotisches Reststück, mit Durchkontaktierungen statt Lötaugen.


 
Während des Aufbaus entstand beiläufig ein fast serienreifes "Print-Layout". Da der Bereich der Schaltausgänge (oben rechts) potenziell Netzspannung führen kann, ist er sicherheitshalber mit 2K-Kleber (Stabilit-Express) versiegelt und zwecks Einhaltung ausreichender Kriechstrecken allseits von mindestens zwei ungenutzten Lochreihen mit weggebohrten Durchkontaktierungen umgeben.


 
Wegen des geringen Platz- und Strombedarfs findet der Geist (oben rechts) lässig innerhalb meiner Telefonanlage (Euracom 181) Platz. Das spart ein extra Gehäuse und ein eigenes Netzteil.

Erst jetzt traue ich mich, diese Eigenentwicklung hier vorzustellen. Dieser nette Hausgeist - ein extrem simples Spezial-Computerchen rund um einen Microcontroller - ermöglicht unter anderem, tarifliche Sparmöglichkeiten beim Telefonieren auf legale Weise zu "exportieren", d.h. auch von beliebigen anderen Anschlüssen aus zu nutzen.

Die Idee entstand zu jener Zeit, als über den sog. XXL-Tarif neben kostenlosen Sonntagstelefonaten auch noch Online-Verbindungen möglich waren. Wenn man schon in Ermangelung von DSL bei dieser kümmerlichen "Arme-Leute-Flatrate" Zuflucht suchen musste, war es dann nicht eine gerechte Genugtuung, wenigstens auch mal von der Zweitwohnung oder jedem beliebigen anderen Telefon aus kostenlos surfen oder telefonieren zu können?

Damals habe ich die Idee lieber für mich behalten, wegen der Befürchtung, dass eine breitere Nutzung den Netzbetreiber zu einer Änderung der Tarifbedingungen hätte veranlassen können. Insbesondere wollte ich die Sonntags-Flatrate nicht gefährden, da das den ohnehin Diskriminierten auch noch die allerletzte Möglichkeit des "Surfens ohne Zeitdruck" genommen hätte. Nachdem die aber inzwischen leider sowieso passé ist, spricht nichts mehr gegen eine öffentliche Vorstellung des Projekts - vielleicht inspiriert das zu weiteren Ideen.

Hinweis: Je nach Tarif kann das nachfolgend für sonntags Gesagte auch zusätzlich samstags und/oder an anderen Tagen gelten.


Die Idee

Bei ISDN sind bekanntlich zwei Verbindungen zur gleichen Zeit möglich. Davon macht der XXL-Geist Gebrauch, wenn man außer Haus ist: Bei Bedarf baut er selbsttätig zwei Verbindungen auf: die erste zum momentanen Aufenthaltsort, die zweite zur jeweils gewünschten Zielrufnummer. Anschließend schaltet er beide zusammen, wodurch man dann mit der gewünschten Gegenstelle verbunden ist. Und das eben an Sonntagen kostenlos, weil ja beide Verbindungen vom heimischen XXL-Anschluss aus aufgebaut werden.


Gedacht, getan!

Nachdem ich die Aufgaben des "Geistes" und die Funktionsabläufe gedanklich vor Augen hatte, entstanden der Schaltungsentwurf, Aufbau der Hardware auf einer Lochrasterplatine sowie erste Software-Routinen an einem Tag. Übrigens, auch die DTMF-Doppeltöne, mittels derer der Geist "wählt", werden komplett per Software erzeugt und als Rechtecksignale an zwei Pins (für hohe und tiefe Frequenz) ausgegeben. Extern werden sie über zwei einfache Tiefpässe zusammengeführt und sind anschließend hinreichend von Oberwellen befreit. Die Decodierung der empfangenen DTMF-Töne ist hingegen nicht allein per Software zu schaffen (jedenfalls nicht mit diesem Microcontroller); hier kommt ein bewährter und preiswerter Spezialbaustein zum Einsatz.

Weil's so nahe liegt und kaum Extra-Aufwand kostet, habe ich auch noch zwei universelle, telefonisch fernbedienbare Relais-Schaltausgänge vorgesehen. Hat zwar nichts mit dem primären Zweck zu tun, aber sowas kann man ja immer gebrauchen...! Einer der Ausgänge ist mit Solid-State-Relais, der andere auf klassische Weise realisiert.

Nach ein bisschen weiterer Programmierarbeit konnte der "Geist" seine Funktionsfähigkeit als Telefonvermittlung überzeugend unter Beweis stellen. Anschließend wurde die Software bis zur komfortablen endgültigen Form weiterentwickelt, vielseitige Sonderfunktionen zur (Fern-) Konfiguration hinzugefügt und an manchen subtilen Details gefeilt. So wurde zum Beispiel die abgedrehte, aber in der Testphase nützliche Möglichkeit vorgesehen, über den Music-on-Hold - Eingang der Telefonanlage in die Leitung "reinzuhören", um den normalerweise verborgen ablaufenden Verbindungsaufbau beobachten zu können und zu hören, was eigentlich nur der Geist als Initiatior der Verbindung hören würde - wenn er denn könnte.


Der Geist in der Praxis

Nutzung und Bedienung sind denkbar einfach (wieso eigentlich immer "denkbar"?): Der Geist hängt als Nebenstelle an der sowieso vorhandenen ISDN-Telefonanlage und bekommt sinnvollerweise eine eigene, nicht anderweitig bekannte und genutzte Rufnummer (MSN) zugeteilt. Um von außerhalb - kostenlos - einen Verbindungswunsch anzumelden, ruft man diese Nummer an, lässt 1x klingeln und legt wieder auf.

Dieser "Trigger-Anruf" ist so ziemlich das einzige, was die Bedienung vom normalen Telefonieren unterscheidet, denn danach geht es (fast) wie gewohnt weiter. Der Geist ruft zurück und erwartet nun ganz normal die Wahl der Zielrufnummer, die er zunächst intern zwischenspeichert. Sobald er glaubt, dass man mit der Eingabe fertig ist (erkannt durch adaptives Timeout abhängig von der Eingabegeschwindigkeit), baut er auf dem zweiten B-Kanal die gewünschte Verbindung auf und schaltet sie mit der bereits bestehenden zusammen, indem sie die entsprechenden Funktionen der Telefonanlage nutzt. Man ist nun - hoffentlich - mit dem Wunschpartner verbunden. Die Verbindung wird ohne Zutun des Geistes wieder aufgelöst, sobald einer der beiden Teilnehmer auflegt.

Das Ganze funktioniert auch vorzüglich für Online-Verbindungen. Unter Windows kann man jeden auch sonst benutzten DFÜ-Netzwerk-Eintrag praktisch unverändert verwenden; lediglich die Option "auf Wählton warten" muss beim Modem deaktiviert werden, da ein Geist natürlich keinen Wählton erzeugt. ;-)

Und woher weiß der Geist, unter welcher Nummer er jeweils zurückrufen soll? Anders als vielleicht nahe liegend, lasse ich ihn bewusst nicht die aktuell übermittelte Anrufer-Nummer (CLIP) auswerten, denn das hätte die Schaltung deutlich komplizierter und aufwändiger gemacht, außerdem ist darauf nicht unbedingt Verlass. Die Nummer kann ja falsch programmiert oder abgeschaltet sein. Obendrein wäre der Geist dann von jedem nutzbar, wenn das nicht durch zusätzliche Maßnahmen verhindert wird. Nein, er wählt vielmehr eine vorgegebene, fest eingespeicherte Nummer (die man aber bei Bedarf aus der Ferne ändern kann). Somit ist eine unbefugte Nutzung durch Fremde elegant ausgeschlossen, ohne dass etwa die Notwendigkeit einer "PIN"-Geheimnummer o.ä. die normale Telefon-Routine erschweren würde.

Überhaupt macht der Geist seinem Namen alle Ehre und versucht sich weitgehend "unsichtbar" zu machen, damit man als Nutzer möglichst wenig von normalen Telefon-Gewohnheiten abweichen muss. Dafür sorgen intelligente Automatiken, wie z.B. die vorgenannte Wahlende-Erkennung.
Ein weiteres Beispiel für das Streben des Geistes nach "Transparenz" ist die automatische Unterdrückung einer Amtsholungs-Null, die bei Nutzung einer Telefonanlage auf Anruferseite vielleicht fest im dortigen Telefon bzw. DFÜ-Netzwerk einprogrammiert ist. Diese ist aber beim Verbindungsaufbau über den Geist natürlich überflüssig und störend, denn man wird ja angerufen und braucht dann keine Amtsholung mehr. Deren automatische Eliminierung durch den Geist erlaubt es, alle lokalen Konfigurationen in ihrem Normalzustand zu belassen und wie gewohnt zu wählen.
Ebenso erkennt der Geist anhand der Ziffernzahl, wenn etwa eine interne Nebenstelle der Telefonanlage angerufen werden soll (z.B. um den heimischen Anrufbeantworter aus der Ferne abzuhören), und unterlässt dann seinerseits beim Aufbau der Zielverbindung die Amtsholung.


Sonderfunktionen

Naheliegenderweise habe ich vorgesehen, dass man die Rückrufnummer von außen mit einem normalen Tonwahl-Telefon jederzeit ändern kann - wie überhaupt alle erdenklichen Einstellungen, Betriebsparameter, Timing-Werte usw. Letztlich kann jede interne nichtflüchtige Speicherstelle des Controllers aus der Ferne abgefragt oder geändert werden. Außerdem stehen handliche Funktionen zur Zustandsabfrage bzw. Betätigung der Schaltausgänge zur Verfügung. Alle Rückmeldungen erfolgen per Morsecode (wäre ich nicht "zufällig" auch Funkamateur, hätte ich das sicher anders gemacht...)

Auch die Fernkonfiguration erfolgt, wann immer möglich, im Wege eines "Geist-Rückrufs" und damit sonntags kostenlos. Nur falls bei einer Standort-Änderung versäumt wurde, vorher die neue Rückrufnummer einzuprogrammieren, nützt ein Rückruf unter der alten Nummer natürlich nichts mehr. Dann muss ggf. auch sonntags mal eine Gebühreneinheit spendiert werden. Dazu ruft man den Geist an, legt aber nicht nach 1x Klingeln auf. Nach einer programmierbaren Anzahl Rufe meldet er sich, und man kann ihm nun die neue Rückruf-Nummer mitteilen.

Solche Sonderfunktionen sind natürlich aus nahe liegenden Gründen durch einen Geheimcode geschützt.


Ist das eigentlich legal?

Davon gehe ich aus. Es werden ja nur reguläre Vertragseigenschaften genutzt, für die man auch - in Form einer höheren Grundgebühr - explizit bezahlen muss. Es finden keinerlei Manipulationen am Netz der Telekom statt, und die selbst gestrickte Hardware sitzt "hinter" einer zugelassenen ISDN-Telefonanlage. Der Geist verhält sich dort technisch wie ein Telefon und macht nur Dinge, die man auch mit einem normalen Telefon machen kann und darf. Von daher ist nicht erkennbar, weshalb diese Anwendung in irgend einer Weise illegal oder vertragswidrig sein sollte. Andererseits darf man annehmen, dass ein derart "kreativer" Umgang mit den Möglichkeiten eines ISDN-Anschlusses bei Netzbetreibern nicht unbedingt gern gesehen ist, zumindest nicht großflächig. Es würde dann vermutlich mit technischen Maßnahmen oder vertraglichen Klauseln unterbunden oder durch neue Tarifmodelle uninteressant gemacht. Deshalb eignet sich diese an sich sehr attraktive Entwicklung wohl auch leider nicht für ein lukrativ vermarktbares Massenprodukt - obwohl mir das durchaus gefallen hätte... ;-)


Ausblick und weitere Ideen

Der gute Geist könnte sich auch noch auf andere Weise nützlich machen, sofern ihm das per Firmware beigebracht wird. Einige Ideen:


Schlusswort

Aus den bereits angedeuteten Gründen belasse ich es bei der Darstellung der Idee (deren gewerbliche Verwertung ich ausdrücklich untersage!), und verzichte ganz bewusst auf eine leicht konsumierbare und narrensichere Bauanleitung. Es bleibt also eine Anregung für "Selber-Denker". Deshalb sind auch Anfragen nach Schaltbild und Firmware bis auf weiteres zwecklos - letztere ist ja im übrigen ohnehin nicht allgemeingültig, sondern muss für ein Zusammenspiel mit der jeweils vorhandenen Telefonanlage ausgelegt werden.

Kurze Zeit nachdem der Geist fertig war, stanzte die Telekom leider Datenverbindungen aus dem XXL-Tarif heraus, und ich habe ihn daraufhin umgehend gekündigt - denn selbst "mit Geist" wäre ein bloßes Gesprächs-XXL für mich nicht mehr interessant genug gewesen, um den höheren monatlichen Grundpreis zu rechtfertigen. Bei Vieltelefonierern dürfte das anders aussehen. Bei mir wird der Geist momentan nur wegen seiner Schaltausgänge genutzt. Schade eigentlich...

Und wie komme ich seitdem "flat" ins Netz? Das gehört eigentlich nicht mehr hierher, aber den Telekom-seitig nicht erfüllbaren DSL-Wunsch habe ich mir nun selbst anderweitig erfüllt. Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht und bin seitdem nicht nur Nutzer, sondern auch Provider für 2-Wege-Satellitenzugänge. Liegt ja eigentlich nahe, wenn man eh vom Fach ist. Damit ist praktisch überall eine zwar nicht ganz mit DSL vergleichbare, aber doch sehr brauchbare und hochzuverlässige Breitband-Flatrate möglich, völlig unabhängig von jeglicher terrestrischen Infrastruktur. Welch eine völlig neue Lebensqualität - keine lahme Einwahlverbindung mehr, kein Zeittakt,  immer online mit fester IP, keine Telekom-Abhängigkeit...
Außerdem baue ich hier im Dorf nun ein WLAN-"Bürgernetz" auf, um den Sat-Zugang auch mit anderen Interessierten zu teilen und so die DSL-Unfähigkeit bzw. -Unwilligkeit der Telekom auszugleichen...


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